2017-05-08
ავტორი : David Jischkariani
Hoffnungstal

In 5 Minuten Fahrt von Rustawi, auf der Rustawi-Gardabani-Wachtangisi-Strasse sieht man auf der rechten Seite an einer Kiefer ein handgebasteltes Dorfschild mit der Aufschrift Kalinino. Heutzutage ist der Name des sogenannten „Geschäftsführers der Sowjetunion“ nicht mehr Grund genug, um auf der staubigen Landstraße, die ins Dorf führt, vom Asphalt abzubiegen. In diesem Tal haftet der Blick außer an der industriellen, postapokalyptischen Zone nur auf eine Riesenkonstruktion am Horizont. Das ist der 9. Block, der die Hauptstadt Tiflis mit Strom versorgt. Eine häufige Ursache dafür, dass Tiflis in den 90-er Jahren wochenlang ohne Stromversorgung blieb, war ein Unfall an diesem Block. Damals wussten selbst die Kleinkinder, was der „9. Block“ war und was es bedeutete, wenn er nicht funktionierte.

Aufmerksame Augen haben 2016 im Eingangsbereich zu Kalinino auf dem verlassenen, vom Stacheldrahtzaun umgebenen kleinen Friedhof ein Paar deutsche Namen an den Kreuzen und Grabsteinen bemerkt. Bald wurde der Friedhof mit Hilfe des dvv international gereinigt. Während der Reinigung kamen Dutzende von deutschen Gräbern zum Vorschein, die zusammen mit den sichtbaren Teilen des Friedhofs eine ungewöhnliche multikulturelle Mischung bildeten.

Wie konnten in der Nähe von Rustawi deutsche Gräber entstehen? Die erste Vermutung des Entdeckers ging in die Richtung der Gründungsgeschichte der Stadt Rustawi: im 20. Jahrhundert, im Zuge der wachsenden Industrialisierung bekam dieses Tal eine neue Funktion und Bedeutung – die kleine landwirtschaftliche Siedlung musste in eine Industriestadt umgewandelt werden. Grandiose Baumaßnahmen waren geplant, für deren Verwirklichung die Mobilisierung von Unmengen an Arbeitsressourcen notwendig war. Neben zahlreichen Häftlingen verschiedener Kategorien arbeiteten dort auch die Kriegsgefangenen des 2. Weltkriegs, insgesamt betrug ihre Zahl über 16 000. Die Geschichte spricht von „deutschen Kriegsgefangenen“, obwohl unter ihnen außer den ethnischen Deutschen auch Ungarn, Polen und Vertreter anderer osteuropäischen Länder dabei waren. Heute findet man am Ende der Stadt Rustawi, kurz vor der Siedlung Neu-Samgori einen mit einem Metallzaun umgebenen symbolischen Friedhof der Kriegsgefangenen, die an unterschiedlichen Betriebsunfällen, Krankheiten oder unter unbekannten Umständen gestorben sind. Die Bevölkerung von Rustawi - und auch andere – wissen genau, welche Teile der Stadt von den Gefangenen des 2. Weltkriegs erbaut wurden.

Aber wenn man sich Kalinino anschaut, wird es deutlich, dass hier die Spur der Kriegsgefangenen nicht sichtbar ist und dass es hier ein älteres multiethnisches Dorf gegeben haben soll. Mit den 40-er Jahren des XX. Jahrhunderts ändert sich die ethnische Zusammensetzung, die soziale Funktion und der wirtschaftliche Typ der Siedlung und aus der Karte Georgiens verschwinden die Toponyme Hoffnungstal und Traubental.


Karaiaz-Tal

Wegen des Mangels an historischen Quellen ist es nicht mehr ganz klar, wie die deutschen Dörfer im Karaiaz-Tal entstanden sind. Sie werden auch nicht unter den deutschen Siedlungen von damals aufgelistet. Vor dem Beginn der 1900-er Jahre findet man auf alten Karten nur vorübergehende Bleiben und eine kleine Siedlung namens Ambarowka. Im Karaiaz-Tal lebten überwiegend ethnische Azerbaijaner. Außer den Dörfern waren die kleinen Ansiedlungsorte wegen des nomadischen Lebensstils keine Dauersiedlungen und der Großteil des Tals diente als eine landwirtschaftliche Zone, insbesondere nach der Instandsetzung der großen Bewässerungsanlage dort. Das Tal war außerdem bekannt als „staatliches Gut von Karaiaz“ und war reich an Wild. Um das Jahr 1917, nachdem das russische Zarenreich auseinanderfiel und politische und wirtschaftliche Veränderungen stattfanden und als im Kaukasus die ethnischen Auseinandersetzungen explodierten und später mit dem Bau von neuen, nationalen Republiken angefangen wurde, zogen die Bevölkerungsgruppen der deutschen Siedlungen aus Tiflis und in seiner Nähe ins Karaiaz-Tal und gründeten dort neue Dörfer.

In dieser Zeit wurde das Karaiaz-Tal zum Grenzgebiet zwischen dem Vorort von Tiflis und der Region Karaiaz. Diese administrativen Grenzen wurden auch nach 1921, nach der Okkupation Georgiens vom bolschewistischen Russland bis zum Ende der 1920-er Jahre aufrechterhalten.

Nach der sowjetischen administrativen Reform wurde der Karaiaz-Bezirk in vier Dorfräte aufgeteilt (Stand 1935):

  1. Agh-Taghli (grenzte unmittelbar an Tiflis)
  2. Kesalo-Nazarlo
  3. Jandara
  4. Karaiaz

Zum Bezirk gehörten insgesamt 19 Siedlungen.

Nach Anmerkungen auf dem Registrierungsdokument und dem Beschluss der kommunistischen Partei der Georgischen SSR und des Zentralen Exekutiven Komitee wurden aus dem Dorfrat von Kara-Tapa folgende Dörfer herausgebildet: Tazakend, Birlik, Traubental, Hoffnungstal und Tatjanowka, die einen unabhängigen Dorfrat – den von Tatjanowka bildeten.

Der Bezirk war überwiegend von „Türken“ besiedelt (2105 Familien mit insgesamt 10412 Personen, 70 %, die als Urbevölkerung dort galten und die „Dazugekommenen“:

  1. Türken, die die Untertanen des Irans waren und im Dorf Karaiaz lebten
  2. Hierhergezogene Deutsche - 152 Familien, 790 Personen
  3. Hierhergezogene Russen - 251 Familien, 1058 Personen
  4. Georgier – 37 Familien, 137 Personen
  5. Armenier – 49 Familien, 235 Personen
  6. Assyrer – 45 Familien, 256 Personen
  7. Angehörige anderer ethnischen Gruppen – 10 Familien, 36 Personen.

Die Urbevölkerung betrug 2639 Familien – 12924 Personen und einschließlich der Arbeiter und der Bediensteten war die Zahl der Bevölkerung insgesamt 15647 Personen (nach Angaben aus dem Jahr 1935).

Nach Angaben der Volkszählung baute die Bevölkerung dort hauptsächlich Baumwolle, Gemüse und verschiedene Getreidesorten an.



Hoffnungstal und Traubental

Diese beiden Dörfer, die parallel zueinander verliefen, lagen entlang der Bahnlinie und wurden von einem Zufluß des Bewässerungskanals voneinander geteilt.

Beide waren ausschließlich von deutschen Siedlern bewohnt. Nach Angaben von 1937 lebten in den beiden Dörfern insgesamt 309 Personen, darunter:

290 Deutsche (93,8 %)

6 „Türken“ (1,9 %)

5 Armenier (1,6 %)

4 Russen (1,3 %)

4 Georgier (1,3 %)

Das Bildungsniveau der Mehrheit der Bevölkerung war niedrig, sie galten als „Mindergebildete“. Zum Jahr 1930 gründete man in diesen Dörfern eine Schule, in der alle Halbwüchsigen die Grundausbildung bekamen. Nach der Kollektivierung enstanden im Dorfrat von Tatjanowka ein paar Kolchosen: im Traubental die Kolchose namens Rosa Luxenburg, im Hoffnungstal – die namens Tellman, in Tatjanowka – die Kolchose namens Krupskaja.

Die Bewohner von Hoffnungstal und Traubental waren hauptsächlich Gärtner. Auf dem kleinen Stück Land, das ihnen gehörte, bauten sie verschiedene Gemüsesorten, wie zum Beispiel Kohl, Tomaten, Zwiebeln und Gurken, an. Sie lebten in sogenannten ''Khatas'' - in aus Erde gebauten Häusern, die heute nicht mehr erhalten sind. Das Eigentumsvieh versorgte die Familien mit Milchprodukten und Fleisch und wurde nicht für landwirtschaftliche Aktivitäten benutzt.

1937 war der Prozess der Kollektivierung in diesen Dörfern noch nicht beendet und verlief etappenweise ab. Die Hauptphase des Eintretens in die Kolchosen liegt hier bei ca. 1934-1935. 1937 gab es hier immer noch zahlreiche Eigentümer – Bauern, die über ihre Betriebe eigenständig vefügten und diese auch verwalteten, wobei das kommunistische Regime dazu bestrebt war den Prozess der Kollektivisierung zu beschleunigen. In den Gemeindebüchern, in denen diese Eigentümer registriert sind, finden wir Anmerkungen darüber, dass sie zwischen zwei Volkszählungen schon in verschiedene Kolchosen eingegliedert wurden. Zum Beispiel waren Eduard Lang und Gottlieb Bascher 1936 noch als Eigentümer registriert, ein Jahr darauf waren sie schon Mitglieder der Kolchose namens Tellmann.


Das Ende der Etappe

Mit dem Anfang des Krieges zwischen Deutschland und der Sowjetunion im Jahr 1941 wurden auf Beschluß des Staatlichen Sicherheitskomitees Nr 744 im Herbst, überwiegend in den Monaten Oktober und November, allein aus Georgien 20423 Deutsche deportiert. Sie wurden mit 12 Zügen nach Zentralasien umgesiedelt. Die Deportation betraf auch 272 deutsche Familien aus Karaiaz (heute Gardabani). Unter ihnen waren auch die Bewohner von Traubental und Hoffnungstal. Die Deportierten landeten nach einer drei-wöchigen Etappierung in Zentralasien. Gemäß den Unterlagen des Archivs des Georgischen Innenministeriums wollte die Sowjetunion, dass die Deportierten nicht in ihre ursprünglichen Wohnorte zurückkehrten. Zu Kontrollzwecken wurden sie registriert und an bestimmte Orte „festgebunden“.

Wir können die allgemeine Tragödie des verlorenen Dorfes an der Geschichte eines Dorfbewohners verfolgen: Jakob Knaus (Sohn von Christian), geb. 1904 trat bis 1936 nicht in die Kolchose ein und war Eigentumsbauer geblieben. 1937 trat seine junge Familie in die Kolchose namens Tellmann ein. Aus Mangel der Dokumentation ist die Wiederherstellung ihres Alltags kaum mehr möglich. Die offizielle Dokumentation lief auf dem Namen des Familienoberhaupts. Seine Sprache, wie die der absoluten Mehrheit der Dorfbewohner, war Deutsch. Jakob Knaus hatte eine vierjährige Schulausbildung, aber keinen Beruf und gehörte auch keiner politischen Partei an.

Nach der Deportation wurde die Familie Knaus im Dorf Danilowka in Kazachstan, im Bezirk Pawlodarsk, angesiedelt. Pawlodarsk war einer der Konzentrationsorte der depotierten Deutschen, an dem tausende von Deutschen, darunter auch die Kaukasusdeutschen, zusammenkamen. Nach häufigen administrativen Reformen wurde aus dieser Zone 1948 die unabhängige administrativ-geographische Einheit namens „Pawlodarsk-Region“. Jakob Knaus setzte seine Tätigkeit in der Kolchose namens Kuibishew fort. Die Familie musste einmal in Monat in die Kommandantur zum Unterschreiben – eine Pflicht für alle Deportierten.

Nach dem 2. Weltkrieg fügte der Staat ein paar Paragraphen zu den Fragebögen der Deportierten hinzu: Die Behörden wollten wissen, ob die Deutschen in die besetzten Gebiete einreisten. Die Familie Knaus war weder in die besetzten Gebiete, noch überhaupt außerhalb der Sowjetunion gereist. Dies bestätigten sie am 11. Mai 1949 mit ihrer eigenen Unterschrift.

Eigenhändig bestätigte die Familie Knaus auch, dass sie mit dem Erlass des Präsidiums des Obersten Rats der SSR vom 26. 11. 1948 einverstanden waren und für immer in der Deportation bleiben wollten ohne das Anrecht auf die Rückkehr.


Friedhof der Hoffnungen

Nach 1941 hat sich das ethnische Bild der Siedlungen Traubental und Hoffnungstal grundsätzlich geändert. Nur ein kleiner Teil der Deutschen, der nicht deportiert wurde, durfte dort bleiben. Den Platz der Deportierten hat auf Beschluss des Staates die azerbaijanische Bevölkerung eingenommen. Als vor ein paar Jahren mit dem industriellen Aufbau der Stadt Rustawi angefangen wurde, bekamen die Menschen hier die Gelegenheit, außer dem landwirtschaftlichen Bereich, auch auf industriellen Objekten zu arbeiten.

Im heutigen Dorf Kalinino, entlang von drei Parallelstraßen, findet man heutzutage nur noch wenige Überbleibsel der deutschen Häuser. Das aussagekräftigste Zeugnis der Ansiedlung der Deutschen hier, vor den großen historischen Veränderungen, ist der Friedhof – das einzige, was von Hoffnungstal und Traubental übrig blieb.


Photo: Matthias Klingenberg

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