2017-07-18
ავტორი : Marika Lapauri
In Erinnerung an Nikoloz Janelidze

Es sind 28 Jahre meines Lebens in Deutschland vergangen. Das vergangene Leben teilt sich auf diesem Weg des „Nirgendseins“ in zwei Teile auf. Mit diesem scharfen biographischen Einschnitt scheinen mir verschiedene, auf den ersten Blick unwichtige Details und Beziehungen die Stützpunkte zu sein, auf denen meine Existenz in diesem Zustand des „nicht dort, nicht hier“ basiert. In diesem Raum bildet das Bachtinische Verhältnis des „Verhaltens und der Verantwortung“ eigenen Topos, in dem das Streben nach Freiheit offensichtlich mehr Möglichkeiten enthält (поступок. Философия поступка)

Meine zufällige Begegnung mit Nikoloz Janelidze bleibt für mich gleich nach meiner Ankunft in Deutschland in dem sich letztendlich als besonders erwiesenen Raum des „nicht dort, nicht hier“ in der norddeutschen Stadt Kiel bis heute zum Maßstab der Würde und der Verantwortung. Das ist eine Vorgabe, die mir durch diesen Fall in der Beziehung mit diesem Menschen zufällig dargeboten wurde; mit dem Menschen, den ich liebe und von dem ich mit euch als etwas sehr Wertvollem teilen möchte.

Ich erinnere mich an den allerersten Besuch von Niko Janelidze bei mir. Damals studierte ich in der Musikhochschule in Lübeck und lebte in der Hauptstadt von Schleswig-Holstein Kiel. Niko leitete damals den Georgischsprachkurs an der Universität Kiel (sowie in Hamburg). Nach unserem ersten Kontakt klingelte es bei mir am vereinbarten Tag und der Uhrzeit pünktlich. Ich wartete im Eingangsbereich des hübschen alten Hauses im vierten Stock auf den Gast und sah einen riesigen „sprechenden“ Blumenstrauß auf mich aufsteigen: „Frau Marika, noch höher?“ Das langsame Aufsteigen dieses riesigen Blumenstraußes füllte mich mit Neugier und Freude und hatte etwas Feierliches an sich, bis heute berührt diese Erinnerung mein Herz. Erst später sah ich neben dem Blumenstrauß zum ersten Mal Niko, einen etwas kleinen Mann mit leuchtenden Augen, einer charakteristischen Nase, hustend und mit unvergleichbarer Intonation, den er aus Georgien mitgebracht hatte und der sich teilweise durch das lange Leben in Norddeutschland zur Gamma seines Lebens verwandelte, der sein „nicht dort, nicht hier“ Leben sprachlich kennzeichnete. Bei diesem Treffen wusste ich noch nicht, dass Niko seit vielen Jahren an Asthma leidete und dass das Hinaufsteigen der Treppen für ihn eine große körperliche Belastung war; dass der Kauf eines so großen Blumenstraußes für seinen finanziellen Zustand eine viel zu ernsthafte Belastung war. Bei jeder unserer Begegnung später im Foyer des Nobelhotels Grand Elysse in der Nähe der Universität Hamburg, in dem wir uns nach seinen Vorlesungen zu einer Tasse Kaffee trafen, sah ich einen würdevollen Menschen, der der Ritter in sich auf keinen Fall aufgeben wollte.

Gleich nach der ersten Begegnung möchte ich über unsere letzte erzählen. Dieser hat mit Nikos Tod zu tun; beim Schreiben ist mir gerade bewusst geworden, dass unsere Beziehung kein Ende haben kann. Sie lebt in meinem Alltag weiter.

Niko starb in Einsamkeit im Krankenhaus von Itzeho, nachdem er davor Wochen lang im sehr schwachen Zustand dort lag. Nach der Regelung durfte ihn kein außenstehender besuchen. Wir erhielten Nachrichten nur von seiner damaligen Freundin Edeltraut Schukart und vom Professor Winfried Boeder, der letztere bezog sie eingeschränkt direkt vom Krankenhaus. Jahre lang war der Professor der Kartwelologie Boeder nicht nur einer der ihm am nächsten stehenden Menschen, sondern dank ihm gelangte das eingeschränkte Budget von Niko an einer kleinen Stabilität. Ich war damals frisch in Deutschland und konnte an diese Anonymität des Krankenhauses kaum glauben und versuchte vergebens, vom medizinischen Personal eine Genehmigung des Besuchs zu bekommen.



Nach dem Tod von Niko erfuhr ich von Edeltraut Schukart, daß Nikos 1,5-Zimmerwohnung im Steinbrück 2, 2210 Itzeho von entsprechenden Behörden aufgelöst werden würde. Mir blieb nur ein Tag übrig.

Nikos Zimmer, alle Wände und selbst der Flur waren bis zur Decke mit Büchern gefüllt. Außer den Büchern besaß er nichts. Ich dachte an Niko, der in Büchern und Papieren durchwühlte, wie er immer um Zeitungen und Zeitschriften aus Georgien bat. Das freute ihn am meisten. Auf verschiedenen Wegen hatte er Veröffentlichungen und Bücher auf Georgisch oder über Georgien gesammelt. Er hatte engen Kontakt mit der Emigration der 1920-er Jahre und denke, es muss auch eine Korrespondenz gegeben haben. Mit Hilfe von Edeltraud durfte ich in Nikos Wohnung für ein paar Stunden rein, bevor die Umzugsmenschen zum Ausräumen kommen würden. Ich habe nicht lange nachgedacht und bin sofort aus Hamburg nach Itzeho gefahren.

Die Erinnerung an dem Moment, als ich an der Schwele stand, bleibt bis jetzt einer der traurigsten Momente meines Lebens: Alle Regale waren umgekippt, als ob man sie mit einem Handschlag umgeworfen hätte. Die Jahre lang gesammelten Bücher lagen zu einem Haufen auf dem Boden, so dass man kein Bein stellen konnte. Wie ich später herausgefunden habe, wollte jemand die Regale mitnehmen. Diese ohne Niko zerstreuten Bücher, dieses Bild mit seinem Kontext haben für mich den Ausmaß der ganzen Menschheit mit ihren Fragen und Antworten oder nicht gefundenen Antworten – verstanden oder nicht-verstanden.

Ich war auf solch ein Bild nicht vorbereitet und um es kurz zu sagen, habe ich alles mitgenommen und ins Auto geworfen, was ich aus dem dritten Stock runterschleppen konnte. Da mir wenig Zeit zum Aussortieren blieb, habe ich nur sehr alte Bücher und Periodika ausgesucht. Darunter auch die Schreibmaschine von Niko, eine Olympia – die erste sowjetische Schreibmaschine mit georgischer Schrift in Europa. Niko war sehr stolz auf sie und betonte es sehr oft. Nach dem Krieg hatte Niko die Maschinenschrift ändern lassen und hat genau mit der Schreibmaschine in seinem Verlag einige georgische Texte drucken lassen (s. unten). Diese Schreibmaschine habe ich dem Hamburger Museum für Völkerkunde übergeben, als sie eine Ausstellung zu Weltsprachen und Schriften vorbereiteten. Nach unserer Vereinbarung damals musste das Museum diese Vitrine in ihrer ständigen Ausstellung mit entsprechender Aufschrift behalten. Dort war sie auch Jahre lang ausgestellt, aber vor einiger Zeit habe ich entdeckt, dass diese Vitrine weg ist. Ich werde die Museumsleitung ansprechen und mich nach dem Schicksal von Nikos Schreibmaschine kundig machen – sie müsste in einem Depot liegen.

Aus Nikos Wohnung habe ich außerdem eine Schublade mitgenommen, in der ein paar Briefe und Nikos Brille lagen. Diese Gegenstände habe ich dem Giorgi Leonidze Literaturmuseum in Georgien geschickt. Dort werden Nikos Sachen mit der Unterstützung von Nino Khoperia im Museumsarchiv aufbewahrt. Die Bücher, die sich bei mir befinden, habe ich inventarisiert. Eine besonders seltene Ausgabe unter ihnen – die kleine Broschüre von Mikhako Tsereteli habe ich in digitaler Form veröffentlich (ich plane seit Jahren die Digitalisierung der alten Emigrationszeitschriften und werde sie eines Tages ans Licht bringen. Bis jetzt ist nur die 1949 in Paris erschienene Zeitschrift „Iveria“ digitalisiert). Aus diesem Grunde ist mein Alltag mit Niko verbunden und ein Teil seiner Bücher ständig in meiner Sichtweite; wenn ich eins davon nehme und darin Nikos Notizen oder Anmerkungen auf den Lesezeichen sehe, verstehe ich, dass die Verbindungen nicht verschwinden und noch mehr: Menschen sind nur die Organisatoren dieser Verbindungen. Wir existieren nur, um diese Verbindungen wahrnehmen und schaffen zu können. Dafür wird uns auf dieser Erde das Leben geschert.




Niko Janelidze ist am 2. Februar 1921 in Samtredia geboren. Dort ging er in die Mittelschule. Später absolvierte er das pädagogische Studium in Gori (1937-1941) und nahm seine Tätigkeit als Lehrer der georgischen Sprache und Literatur in Samtredia auf. Bald wurde er in den Krieg berufen und mußte seine Arbeit aufgeben. 1942 fiel er im Kampf um Kertsch in die Kriegsgefangenschaft und landete auf diesem Weg in Deutschland. Er wurde in eine Bauernfamilie in der Nähe von Neurupin eingeteilt. Dort verbrachte er 9 Monate und lernte dabei ein bisschen Deutsch. Für Kriegsgefangene war das Leben bei den Bauern viel besser, als jede andere Zwangsarbeit. Niko schreibt: “. . . Einmal brachte man uns, die georgischen Kriegsgefangenen nach Neurupin, dort stellte man uns in einer Reihe auf. Uns gegenüber standen deutsche Bauern – Frauen betrachteten uns von weitem und die Männer überlegten sich, wer ein guter Arbeiter sein würde. Nach und nach wurde alle Georgier mitgenommen. Unsere Herzen zitterten wie die der gefangenen Hasen und strebten nach Freiheit in der Wiese und im Wald. . .” (Manuskript, der Stil wurde beibehalten).

Aus dieser Periode sind in Nikos Archiv interessante Erinnerungen über Mikheil Tarkhnischwili (1897-1958) erhalten. Diese hat Niko später, im Jahr 1986 auf Bitte von Winfried Boeder in seinem Heft festgehalten. Eine Kopie dieses Manuskripts habe ich von Herrn Winfried bekommen. Im ersten Abschnitt schreibt Niko: „. . . Die Muttersprache ist im Ausland genauso wertvoll, wie die Heimat. Dieser Spruch gilt für mich und für alle, die wie ich im Unglück sind“.

Auf Einladung von Mikheil Tarkhnischwili lebte er in Vatikan. Niko schreibt: „. . .Eines Tages kam ein alter georgischer Emigrant in die Familie des Bauern (gemeint ist Akaki Gamsakhurdias Besuch in Neurupin) und sagte: Herr Nikoloz, wollen Sie nicht nach Vatikan zum Studieren fahren? Es besteht die Möglichkeit, dass sechs junge Georgier dort das Theologiestudium aufnehmen“.

Leider fand diese Initiative des Vaters Mikhail (Mikheil Tarkhnischwili) keine Fortsetzung. Drei von sechs Georgiern haben die Gruppe bald verlassen. Die drei, die zusammen mit Niko blieben, hatten dem Klosterleben die Rückkehr vorgezogen. Aus den Schriften von Niko erfolgt, dass er der Entscheidung von zwei weiteren Georgiern (Jhora Arsenidze und Gaioz (an seinen Nachnamen konnte er sich nicht mehr erinnern) folgte und bereute später diese Entscheidung. Aber er setzte auch später die Korrespondenz mit Mikheil Tarkhnischwili fort. Niko schreibt: „. . .Vater Mikheil schrieb in seinem letzten Brief: mein Nikola, mir geht es sehr schlecht, ich kann nicht mehr schlucken. (. . .) Der treue Forscher der georgischen kirchlichen Kultur Vater Mikheil trug georgisches Kreuz am Hals und die Liebe zu georgischer Kultur im Herzen. Ich möchte meinem Gott und allen danken, die mir die Freundschaft mit diesem großen heiligen ehrlichen georgischen Forscher ermöglichten. . . „ (Manuskript, Originalstil beibehalten).

Niko kehrte nach Itzeho, Deutschland zurück, wo er weiterhin als Helfer des deutschen Bauern diente. Nach dem Krieg konnte er sich vor der sowjetischen Armee dort verstecken. Er nach Kriegsende 1950 hat er das Studium an der Universität Hamburg aufgenommen, wo er die Volkswirtschaft studierte. Wegen einer schweren Lungenkrankheit war er aber gezwungen, das Studium aufzugeben. Zum Überleben verdiente er mit Papierverkauf. Ab 1961 war er eng mit Lili (Lidia) Pepe-Gegelaschwili und ihrer Familie befreundet. Die mit Lili verbrachten Jahre waren für Niko sehr wertvoll. Zusammen gründeten sie ein Verlag und veröffentlichten ein kleines Buch namens „Apostel Nino – legendäre Heldin Georgiens“. 1962 wurde er zuerst als Dozent der Universität Hamburg, später der Universität Kiel als Lektor der georgischen Sprache und Literatur eingeladen. 1970 wurden in Zusammenarbeit mit Lili Pepe-Gegelaschwili das georgische Kochbuch und georgische Märchen veröffentlicht, auch das kleinformatige „Mutter Sprache“ für Deutsche und „Das Rehkitzchen erzählt“ von Wascha-Pschawela und die verkürzte Übersetzung des „Recken im Tigerfell“. Des Weiteren organisierte Niko die 800. Jubiläumsfeier von Rustaweli in der Bibliothek der Universität Hamburg und 1982 die Gemäldeausstellung der georgischen Kinder in Itzeho.

Niko besaß unglaublichen Kommunikationstalent. Mit seiner direkten Art und sympatischer Selbstbeherrschung erreichte er die Menschen leicht. Er hätte sich nicht vor einem Anruf und einer Bitte bei berühmten Politikern gescheut. An die Regierung und verschiedene Institutionen schrieb er dauernd Briefe. Der Inhalt war immer derselbe: die Bitte, für Georgien etwas Nützliches zu tun.

Niko dichtete auf Deutsch, veröffentlichte Artikel, sammelte Materialien zu georgischen Bräuchen und benutzte sie bei verschiedenen Veranstaltungen. Er organisierte Abendveranstaltungen, ging in die Schulen und Kindergärten und unterrichtete dort georgische Tänze und erzählte georgische Märchen. Für seine Lehrer hielt er Alexandre Baramidze und Alexandre Ghlonti, mit denen er Kontakt bis zu seinem Lebensende pflegte. Alexandre Ghlonti veröffentlichte 1998 einen sehr guten Brief über Niko Janelidze.


Niko Janelidze starb am 31. März 1993. Er ist anonym auf dem Friedhof von Itzeho begraben. Die 40-Tage Todesfeier haben mein Ehemann, aus Oldenburg angereiste Professor Winfried Boeder und ich in der griechischen Kirche auf der Schlump in Hamburg gefeiert.

Nikos Tätigkeit in Deutschland wurde mit dem Albert-Schweizer-Preis ausgezeichnet.

Ich erinnere mich immer wieder an Nikos Telefonanrufe. Damals kostete jeder Anruf Geld. Ich hörte Nikos Stimme, gefolgt von einem Husten und seinen Worten: „Frau Marika, geht es Ihnen gut?“ Darauf legte er sofort auf. Ohne solchen Anruf verging keine Woche. Ich musste bei jedem solcher Anrufe lächeln, bis heute muss ich lächeln.

Am Schluss möchte ich Mikheil Bachtin zitieren:

„Die Akte unserer Handlungen, unserer Gefühle schaut wie der doppelgesichtige Janus in zwei verschiedene Richtungen: in die objektive Einheit der Kultur und in das unvergleichbare Einmalige des erlebten Lebenswegs“.

(Mikheil Bachtin, die Verhaltensphylosophie)


Hamburg, 2017

ps: Nikos archiv wird gerade bearbeitet, bald finden Sie hier ein Link zum Archiv.


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