2017-05-01
ავტორი : Irakli Khwadagiani
19 Jahre zwischen zwei Unterschriften

Am 12. März 1919 fand die Gründungsversammlung Georgiens statt, die aus den zuvor in freien allgemeinen Wahlen gewählten Mitgliedern bestand. Die Versammlung bestätigte die Unabhängigkeitserklärung Georgiens vom 26. Mai 1918. Unter den Unterschriften der Abgeordneten findet man einen ungewöhnlichen Namen: Paul Bühl (პაულ ბილ).

Wegen der Verfälschung der Geschichte und der regelmäßigen Säuberung des kollektiven Gedächtnisses in der Sowjetzeit, hat die Gesellschaft die politische Elite der ersten georgischen Republik und damit selbstverständlich auch den deutschen “Gründungsvater” gänzlich vergessen. Sovlab gelang es nach mehrjähriger Recherche die Biographien zu sammeln und die Mitglieder einzeln zu identifizieren. Aber wegen der einfachen Statistik des sowjetischen Terrors – die Mehrheit der Abgeordneten wurde getötet und die Spuren ihrer Tätigkeit gelöscht- und auch wegen der gegenwärtigen Lage in den Archiven Georgiens müssen noch viele Lücken gefüllt werden.

Die Suche nach Angaben über Paul Bühl, einer der beiden deutschen Abgeordneten der Gründungsversammlung, hat sich wegen des tragischen Schicksals der Deutschen in Georgien als besonders schwierig erwiesen. Über ihn haben wir nur trockene, fragmentierte Auskunft:

Paul Bühl (Sohn von Jakob) wurde 1878 in der Siedlung Elisabetthal (heute Asureti), einer Tiflis-Provinz, in einer deutschen Handwerkerfamilie geboren. Er hatte seine Hochschulausbildung in der Saratow-Werner Hochschule in der Provinz Bessarabien absolviert. Dort wurden die Schullehrer gezielt für die deutschen Siedlungen ausgebildet. Ab 1897 war er in der deutschen Schule in Elisabetthal als Volkslehrer tätig.

Mit dem Beginn des 1. Weltkiegs hat die Gendarmerie im Rahmen der verstärkten Beobachtung der Zarenmacht auf die deutschen Siedler am 22. September (nach altem Kalender) 1915 den landwirtschaftlichen Laden der Siedler-Manufakturisten von Elisabetthal “Доверие” (Vertrauen) und seine Leiter, unter ihnen auch Paul Bühl, durchsucht. Die Gendarmerie hatte den Verdacht, dass der Laden mit seinem Einkommen teilweise die deutsche Armee unterstützte. Die Durchsuchung endete jedoch ohne Erfolg.

Es ist uns nicht bekannt, wann Paul Bühl politisch aktiv wurde – ob in den Studienjahren oder während seiner Tätigkeit als Lehrer. Ab 1917 ist er Mitglied der Menschewiki-Fraktion der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, bald darauf führt er seine Tätigkeit in der Sozialdemokratischen Arbeitspartei Georgiens fort.

Im Jahre 1918, als die Truppen des Osmanischen Reiches den Südkaukasus angegriffen haben und auf ihre Besatzung zielten, nachdem Georgien zuvor seine Unabhängigkeit erklärt hatte, wurde das Deutsche Kaiserreich zum Hauptverbündeten und Beschützer der neuen Republik. Trotz des abgewiesenen Angriffs der Osmanen ging die Anarchie in den südlichen Regionen Georgiens weiter und die osmanischen Truppen tobten weiterhin im Lande. In Elisabetthal, im Hause von Paul Bühl, befand sich die Stabsstelle einer der deutscher Truppen, die versuchte, zusammen mit der Roten Armee und der Volkswache in der Bortschalo-Region, wieder Ordnung zu schaffen.

Ab 1918 war Paul Bühl aktiv in der Stärkung der Macht der Demokratischen Republik Georgiens unter deutschen Kolonisten und in der Bortschalo-Region tätig. Er wurde zur “politischen Hauptstimme” der Deutschen des Kaukasus.

Am 12. März 1919 wurde Paul Bühl zum Mitglied der Gründungsversammlung der Republik Georgiens aus der Sozialdemokratischen Arbeitspartei gewählt. Er war Mitglied der Ausschüsse für Agrarwirtschaft, Volksbildung und Bibliothekswesen.

Bei der Besatzung der Demokratischen Republik Georgiens durch die sowjetischen Truppen war Bühl im Einsatz gegen die Rote Armee. Nach der Okkupation blieb er in Georgien und beteiligte sich an der Widerstandsbewegung, weswegen ihn der außerordentliche Ausschuss der Georgischen SSR (‘Tscheka’) 1923-1924 mit Anschuldigung in der anti-sowjetischen Agitation festnahm.

Nach der Freilassung lebte und arbeitete Paul Bühl in Asureti.

1937-1938, in den Zeiten des großen sowjetischen Terrors, wurde Paul Bühl, der damals schon Rentner war, wieder verhaftet. Ihm wurde standardgemäß antisowjetische Agitation, Propaganda und „Schädlichkeit“ vorgeworfen.

Für die Terrormaschine war selbst die kurze Beschreibung seiner Tätigkeit in der Zeit der Republik Grund genug für die grausame Entscheidung gewesen.

Der Sekretär der Dreier-Sitzung Troika des Innenministeriums der UDSSR (NKWD) Alexander Morozow hat am 20. April 1938 mit geübter Hand das Urteil notiert: Tod durch Erschießung.

Paul Bühl wurde in derselben Nacht erschossen.


1941 begann die Massendeportation der Deutschen aus Georgien. Auch die Familie von Paul Bühl wurde aus Elisabetthal nach Zentralasien deportiert. Danach verschwindet ihre Spur.

Im Jahr 2016 veröffentlichte SovLab das Memorialalbum über die Gründungsversammlung Georgiens, jedoch ohne biographische Angaben zu Paul Bühl. Wer weiß, vielleicht schaut uns aus den Photos von Elisabetthal der deutsche “Gründungsvater” der ersten Republik an?


Quellen:

Georgisches Nationalarchiv, Zentrales Historische Archiv, Bestand #1836, Eintrag #1, Akte #108; Akte #109; Bestand #1833, Eintrag #1, Akte #155; Akte #157; Akte #187; Akte #1382; Bestand #153, Eintrag #1, Akte #2923.

Archiv der Akademie des Innenministeriums, 1. Abteilung (ehemaliges Archiv des Staatlichen Sicherheitskomitee), Bestand #8 - Protokolle der Sitzungen der Troika des Innenministeriums der Georgischen SSR.

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