2018-10-11
ავტორი : Rusiko Kobakhidze
Freiheit zu Hause und außerhalb

Der Geschmack oder die Farbe der Vergangenheit, die Grobheit und die Kanten der Epoche sind anhand persönlicher Geschichten zu erfahren, wie man sagt “zwischen den Zeilen” zu lesen. Ein Foto, eine Inschrift, ein Brief oder Memoiren bewahren die Fingerabdrücke der Zeit, die Flecken, die Linien und die Konturen ohne Fehler auf. Wir können die Lichter und Schatten konkreter Zeitabschnitte nicht sehen, wenn wir die Gesichter der einzelnen Menschen nicht genau betrachten, die durch diese Geschichte hindurchgingen (oder durch die die Geschichte ging).


Bei der Arbeit am deutsch-georgischen Archiv bearbeitete ich das Foto-Album von Maria Herzfeld-Jajanidze. Die Geschichte dieser deutschen Frau ist ein kleiner Abschnitt in den grauen Linien von Millionen unschuldiger Opfer, die unter dem schicksalhaften Sowjetregime leiden mussten. Auf den ersten Blick unterscheidet sich ihre Geschichte in keinerlei Weise von den zahlreichen Geschichten anderer Unterdrückter, aber nur durch das Hervorholen dieser individuellen Geschichten können wir die ganze Absurdität und die Brutalität des Totalitarismus erkennen, welche aus den trockenen Unterlagen nur selten hervorgehen, die von Stalin oder seinen Untertanen unterzeichnet oder in Zeitungsartikeln und in der Großen Sowjetischen Enzyklopädie mit Angabe der Daten festgehalten sind.



Maria Herzfeld-Jajanidze


Maria (Mania – wie man sie nannte) Herzfeld wurde in Petersburg geboren. Ihre Eltern hatten ein Ferienhaus in Usikirka in Finnland, wohin sie oft fuhr. Dort versammelten sich alle Verwandten: Tanten, Onkel, Cousins. Maria hatte eine sorglose Kindheit, Usikirka blieb für immer in ihrem Gedächtnis, wie ein weißes Schloss, wohin sie immer zurückkehren wollte. Auch kurz vor ihrem Tod erinnerte sie sich daran und hoffte, sie würde nochmal hinfahren können. Vielleicht dachte sie, dass sie die schwere Last, die sie auf dem Rücken trug, dort hätte lassen können.




Maria Herzfeld-Jajanidze (dritte von links) in Usikirka, dem Ferienhaus der Familie Herzfeld



Als der Erste Weltkrieg aufbrach, verbrachte man die Familie nach Deutschland. Das 18-jährige Mädchen bekam neue Möglichkeiten und fing an, Keramikkunst zu studieren: sie töpferte, malte und stickte. Hier, in Berlin, lernte sie Mischa Jajanidze kennen, der, finanziert von der Regierung der Ersten Demokratischen Republik Georgiens, in Berlin Ingenieurwesen studierte. Mischa wurde ihr Lebensgefährte und als er nach Georgien zum Bau von Energiekraftwerken eingeladen wurde, folgte ihm Maria ohne zu zögern. Mischa hatte Anfragen aus verschiedenen europäischen Ländern wie Italien und der Schweiz, sogar aus Deutschland, er bevorzugte es aber, seiner Heimat zu dienen.

1931 kam zuerst Mania nach Georgien, Mischa folgte ihr kurz darauf. Hier bekamen sie eine Tochter – Jina Jajanidze. Sie lebten in Matskhuneti, in einem Arbeiterlager. Mischa leitete den Bau des Ats-Energiekraftwerks. Mania zog die kleine Jina groß und töpferte.




Maria Herzfeld-Jajanidze


Auf den Fotos werden europäische Landschaften und Innenansichten durch die sowjetische Realität ausgetauscht: ein ärmlich eingerichtetes Zimmer, Kleider, die an Nägeln an der Wand hängen, willkürlich zusammengestellte Möbelstücke. Auch ihre Kleidung ist nicht mehr so modisch und wertvoll wie früher – sie trägt nun einfache Baumwollkleider. Ebenso ist die europäische Leichtigkeit unter ihren Freunden nicht mehr zu spüren. Nur die Arbeiten an der Wand zeigen uns, dass Mania nach wie vor stickt, töpfert und sich mit der Bearbeitung von Ton beschäftigt.




Maria Herzfeld-Jajanidze und Mikheil Jajanidze mit ihrer Tochter Jina Jajanidze in Makhuntseti.


Diese Jahre waren für sie die glücklichsten, erzählt ihre Enkeltochter Lalia Kutateladze. Wahrscheinlich deshalb, weil sie hier häusliche Gemütlichkeit verspürte: Mischa, die kleine Jina und sie. Später zogen sie nach Tiflis, sie bekamen eine Wohnung auf dem Tschawtschawadze-Prospekt. In Tiflis roch es nach Angst. Jeden Tag erfuhr man von neuen Festnahmen: Nachbarn, Kollegen, Freunde oder flüchtige Bekannte. „Vielleicht sollten wir nach Deutschland gehen“, sagte Mania, aber Mischa wollte seine Heimat nicht verlassen, wollte nicht fliehen und alles liegenlassen: „Ich wurde nicht dafür ausgebildet, um zu fliehen, wenn mein Land in Not ist“. So sind sie geblieben.

1937 klopfe es dann auch an ihrer Tür und Mischa wurde festgenommen. Keine Nachricht, keine Mitteilung. Mania wartete jeden Tag darauf, dass auch sie festgenommen würde und eines Tages erklangen tatsächlich schwere Stiefel im Treppenhaus, sie öffnete die Tür der Nachbarswohnung und schubste die 5-jährige Jina in die Wohnung der Nachbarin Susana Tokhadze. Sie hatte recht: die Männer in Lederjacken waren zu ihr gekommen. Der Ehemann von Susana war schon zuvor festgenommen worden. Trotz der Angst hat diese außergewöhnliche Frau das kleine Mädchen aufgenommen, später die Tanten des Kinds aufgesucht und das Mädchen bei ihnen abgegeben. Vera und Lisa Jajanidze brachten ihre Nichte nach Kutaissi. Lisa hat Jina adoptiert, obwohl sie dafür ihre Arbeit aufgeben musste. Dem Mädchen gaben die Tanten viel Wärme und Liebe, trotzdem verließ sie das Trauma der Angst nicht: wie ihr Mitschüler erzählte, kroch Jina jedes Mal, wenn sie ein Klopfen an der Tür hörte, unter die Schulbank, versteckte sich im Schrank oder rannte weg.




Maria Herzfeld-Jajanidze


Mania saß in der Gefängniskammer, als sie plötzlich spürte, dass ein Faden riss und sagte: „Мишы больше нет!“ (Mischa ist tot!). Sie hatte recht. An Mischa wurde das sowjetische Recht vollzogen. Mania wurde nach Potma geschickt. „Die mit „Volksfeinden“ beladenen Viehwaggons hielten an kleinen Haltestellen an“, schreibt die Finnin Ana Eskur, die Lagerfreundin von Mania in ihrem Buch „Gegen den Strom“. Die Wächter öffneten manchmal die Türen und warfen Schnee in die Waggons. Auf den Haltestellen standen viele Menschen. Arme Gefangene warfen kleine, in Streichholzschachteln versteckte Papierfetzen mit ihren Adressen auf die Bahnsteige – ohne dass die Wächter dies merken durften. Die Gefangenen hegten eine kleine Hoffnung, dass jemand ihre Briefe an die darauf geschriebenen Adressen schicken und die Familien benachrichtigen würde, dass der verschlossene Zug an diesem Bahnhof vorbeizog. Anscheinend hat manch einer es tatsächlich gewagt und an die angegebene Adresse einen Brief geschickt, denn auf diesem Wege erfuhren die Schwägerinnen den Ort des Aufenthalts von Mania. Als der Zug das Ziel, das Potma Lager in Mordowija, wurde die georgische „Fracht“ in der schneebedeckten Wüste ausgeladen. Die Prozession von 3.000 Frauen setzte ihren Weg im kniehohen Schnee fort. Die Wächter öffneten mühsam ein schweres eisernes Tor und die Frauen fanden sich auf einem riesigen Platz wieder, der von hohen Bretterwänden umgeben war, mit Stacheldraht auf deren Ende. Die erschöpften Augen konnten trotzdem erkennen, dass aus vier Beobachtungstürmern bewaffnete Wächter auf sie niederschauten. Der Platz war für mit Erdgruben abgegrenzt, um ein Entkommen unmöglich zu machen.

Das Lager bestand aus 5 Hütten, einer Kantine, einem Krankenhaus, einer Wäscherei mit Bad und einem niedrigen Gebäude ohne Fenster – dem Karzer. Am Tor stand ein gewöhnliches Haus mit einer Terrasse. Das war das Verwaltungsgebäude. Die Frauen wurden in die Hütten gedrängt, wo auf farbloser warmer Tee auf sie wartete – ein richtiger Segen! Im Bad ließen sie ihre aus Tiflis mitgenommenen Kleider zurück. Sie zogen sich wortlos die Herrenunterwäsche an, die sie auf den Matratzen aus Stroh vorfanden und ließen damit ihre Weiblichkeit zurück. Ab da waren sie nur eine Nummer, sie besaßen nichts mehr: weder Familien, noch Häuser, noch Arbeit oder irgendetwas, was sie sich als Menschen fühlen ließ. Sie hatten nur einander: armselig, von Ungerechtigkeit überhäuft und verbittert.




Stickerei von Maria Herzfeld-Jajanidze aus ihrer Zeit im Arbeitslager.


Es begannen die farblosen Tage im mürrischen Land von Mordowija, die sich 10 Jahre hinzogen. 10 Jahre lang verbrachten sie frostige Nächte ohne Licht in denmenschenlosen Weiten von Sibirien mit täglicher Angst vor dem Tod, der die Nächsten aus dem Krankenhaus mit einer Karre wegbrachte, die dafür bestraft wurden, dass sie „Familienmitglieder eines Volksfeindes“ waren. Im Winter kämpften sie gegen die klirrende Kälte, die die Hütten durchdrang, als die Wände sogar von innen mit Frost verschlagen waren und auch der Eingangsbereich bis zu einem halben Meter im Eis versank; geflüsterte Geschichte von neuen Freunden vor dem Einschlafen, zwei Worte zu den Bildern von Jina: für die Mutter von Jina und die durchdringende Kälte von Ungerechtigkeit, Gewalt, Machtlosigkeit und Rechtlosigkeit. Ihre „Schuld“ war mit drei absurden Worten wiederzugeben: Ehefrau eines Volksfeindes.

Nina Eskur berichtet, dass Mania und ihr Freund Paul einmal zum Kommandanten gerufen wurden, was immer etwas Böses verhieß. Aber diesmal wurden ihre schlimmen Erwartungen nicht erfüllt: Mania wurde von ihren Schwägerinnen besucht. Trotz der Tatsache, dass Lisa und Vera Mania nicht sehen durften, erhielt Mania das größte Geschenk: einen Brief mit den Nachrichten über Jina und ein aus Kutaissi mitgebrachtes Paket mit Honig, Brot, Tee, Kaffee, Zucker, etwas Schweinebauchfett und aromatische Seife. Ein richtiges Fest wurde organisiert: die Freunde haben die Erlaubnis bekommen, mit dieser Seife ihre Haare zu waschen und aßen anschließend mit Mania zu Abend.




Maria Herzfeld-Jajanidze (in der Mitte) im Kreise ihrer Schwägerinnen Vera (Venera, links) und Elisabed (Lisa) Jajanidze

Sie durchlebte mehrfach Todesangst. Einmal wurden ein Dutzend Frauen aus den Hütten gerufen, darunter auch Mania, und ihnen gesagt, dass sie in den Wald gehen sollen. Die Gerufenen sowie die Zurückverbliebenen dachten sofort an die Todesstrafe. „Wir dachten, man würde uns hinrichten, alle weinten, verabschiedeten sich voneinander. Dann wurden wir in die Autos geworfen und als wir im Wald ankamen, fanden wir fröhliche Nachricht vor: wir mussten anscheinend nur Holz hacken“. Der fein erzogenen Mania flossen die Tränen über die Wangen: ihre Hände, die ans Sticken und Töpfern gewöhnt waren, mussten nun in den Urwäldern Sibiriens Holz hacken, aber das war wohl die Erlaubnis um zu leben.

Wie konnte sie diese höllischen Jahre überleben? Sie verdankte dies ihren neuen Freunden, die die gleiche Vergangenheit, die gleichen Interessen und außerdem europäische Erziehung und Bildung hatten. Das gemeinsame Schicksal brachte sie einander näher und die Freundschaft, die in den furchterregenden Hütten von Potma entstand, begleitete sie bis zum Lebensende.

Als Mania zurückkehrte, war Jina bereits 16. Die Verfremdung hielt lange an. Denn sie erlebten ja die Emotionen, die eine Kindheit begleiten, wie die Umarmung nach einem Fall und ein Trauma am Knie, der Kuss auf die Stirn, wenn Jina Fieber hatte, Lob und Tadel der Mutter für richtige und falsch Taten, nicht gemeinsam. Nach und nach taute der Frost der Entfernung auf, den die zwanghafte Trennung hervorgerufen hatte.

Doch für lange Zeit durfte Mania nicht in Tiflis leben. Erst später bekam sie die Erlaubnis und sogar eine Wohnung. 1955 erhielt sie eine Bestätigung über ihre Rehabilitation auf einem Papierfetzen in russischer Sprache:


Решение Особого совещания при НКВД СССР от 7 января 1938 года в отношении ДЖАДЖАНИДЗЕ М.Р. отменено, дело о ней прекращено и ДЖАДЖАНИДЗЕ полностью реабилитирована. ВРИО ПРЕДСЕДАТЕЛЯ ВТ ЗАКВО ПОЛКОВНИК ЮСТИЦИИ - /ЛАТЫШЕВ/.




1956 wurde auch Mischa “reahibilitiert”:


Дело по обвинению ДЖАДЖАНИДЗЕ Михаила Германовича пересмотрно Военной Коллегией Верховного Суда СССР 19 мая 1956 года.

Приговор Военной Коллегии от 2 октября 1937 года в отношении ДЖАДЖАНИДЗЕ Михаила Германовича по вновь открывшимся обстоятельствам отменен и дело за отсутсвием состава преступления прекращено.

ПРЕДСЕДАТЕЛЬСТВУЮЩИЙ СУДЕБНОГО СОСТАВА ВОЕННОЙ КОЛЛЕГИИ ВЕРХОВНОГО СУДА СССР

ПОЛКОВНИК ЮСТИЦИИ - /ЛИХАЧЕВ/.




Die eiserne Hand hat sich erbarmt. Als ob diese billigen Papiere ihr zerfetztes Leben wieder hätten ganz machen können. Mania begann, ihr Leben neu zu nähen. Langsam kehrten ihre deutschen und finnischen Freunde aus der Verbannung zurück, an Weihnachten und zu anderen Anlässen veranstalteten sie kleine Feiern: bei diesen Feierlichkeiten las Giwi Margwelaschwili seine Werke vor. Das war eine kleine Insel virtueller Freiheit, die sie in diesem unverständlichen Ozean gebildet hatten. “Die Freiheit ist nie draußen, lehrte Mania ihren Enkelkindern, “sie ist immer in Dir”.




Maria Herzfeld-Jajanidze, Susi Kuine, Lene Topuridze, Lida Panjikidze, Lutsi Kurdiani, Lote Nijharadze, Nina Kwatchadze (Ana Eskur).


Mit dem Beginn der Tauwetter-Periode bekam Mania die Erlaubnis, ihre Schwester und ihre Verwandten in Deutschland zu besuchen. Dort hätte sie bleiben können und für immer das Land vergessen, in dem ihr so viel Leid zugefügt worden war. Sie ist aber nicht geblieben, und hat auch nicht gesagt, warum. Vielleicht konnte sie ihre Familie nicht zurücklassen, oder ihren Mischa, dessen Grab sie unter dieser Erde vermutete, oder vielleicht sah sie hier ihr Leben, in diesem zerdrückten aber trotzdem eigenen Land, das Teil ihrer Geschichte wurde und dessen Teil ihre Geschichte geworden war.

Mania verstarb im fortgeschrittenen Alter. Als sie ihr Gedächtnis verlor, fragte sie ihr Kind und ihre Eltern ständig: hat man den Vater mitgenommen? Niemand weiß, wen sie mit “Vater” meinte: ob ihren eigenen Ehemann, dessen spurloses Verschwinden sie bis zum Ende ihres Lebens quälte oder ein anderes Familienmitglied, dessen Festnahme sie fürchtete.

Bei ihr zu Hause findet man überall geknetete Figuren, Vasen, Stickereien und Gemälde – in Deutschland wie in Georgien. Auch ihre Stickarbeiten aus der Lagerzeit sind noch da – die Stücke ihres zerbrochenen Lebens.



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