2018-07-16
ავტორი : Tamaz Kupreishvili
Ein Leinensäckchen voller Dramen

“Inzwischen hat man mich bestraft. Morgens Tee, abends Tee, zu Mittag grünen Salat und dazu ein halbes Pfund Brot am Tag. Ich litt sehr. Zu kaufen gab es nichts. Wir waren sehr besorgt, konnten aber nichts machen”. – Das ist ein kurzer Ausschnitt aus dem Tagebuch, das über 100 Jahren zusammen mit ein paar Fotos und einer Postkarte in einem kleinen Leinensack aufbewahrt worden ist. Von dem Tagebuch ist nicht viel mehr übrig geblieben als einige Blätter, in denen mein Urgrossvater Malkhaz Janaschia Notizen zu den1910-er Jahren, über seinen Einzug in die Armee für den 1. Weltkrieg und seine Zeit in deutscher Kriegsgefangenschaft schrieb.




Malkhaz Janaschia (links)


Das Leinensäckchen, das die persönlichen Tragödien mehrerer Menschen aufbewahrte, hat mir meine Grossmutter mütterlicherseits aus dem Dorf Tamakoni in Martwili nach Tbilissi mitgegeben. Sie bat mich, die Reste des Tagebuchs und die Fotos gut aufzubewahren, da sie Geschichte von vor 100 Jahren festhielten; schwere Zeiten waren nicht spurlos daran daran vorübergegangen.




Dem erhalteten Teil des Tagebuchs entnehmen wir Details einer Reise Malkhaz Janaschias zum Schlachtfeld oberhalb von Senaki, manche Episoden der Kriegsgefangenschaft, sowie Ereignisse um den Sturzs des russischen Zars und andere wichtige Vorkomnisse der damaligen Zeitgeschichte. Er liefert jedoch keine Auskunft über das, was uns wohl beide am meisten betriftt: Fakten zu seiner deutschen Ehefrau und seine in Deutschland geborenen Kindern, die Malkhaz Janaschia nach seiner Rückkehr nach Georgien nie wiedergesehen hat. Auch seine persönliche Geschichte ist spurlos in den Abgründen der Sowjetherrschaft untergegangen.




Fragmente der Memoiren von Malkhaz Janaschia


Alles, was wir über Malkhaz Janaschia wissen, liefern uns die Erzählungen meiner Grossmutter (und der Schwiegertochter von Malkhaz), meiner Mutter und anderer Verwandte. Es fehlen dennoch viele Details und Tatsachen. Manches ist eventuell Interpretation, denn diese Geschichten wurden in der Familie von Janaschias nur mündlich weitergegeben – solche Darstellungen sind somit nie 100 Prozent genau.

Sicher weiss ich folgendes: der in 1888 im Dorf Tamakoni, Martwili geborene Malkhaz Janaschia wurde als Soldat in den 1. Weltkrieg eingezogen und kam später in Deutschland in Gefangenschaft. Der Postkarte aus dem Leinenssäckchen entnehme ich, dass Malkhaz eine Zeit lang im Kriegsgefangenenlager Halle in der Nähe von Berlin war. Andere Auskünfte liefert uns die mündliche Überlieferung meines Urgrossvaters. Daraus erfahren wir, dass Malkhaz zusammen mit ein paar weiteren Gefangenen aus dem Lager geflohen ist und sich in einer naheliegenden Siedlung versteckt hat. Ich weiss nicht, wie es dazu kam, aber er wurde schliesslich von einer Frau in ihrem Hause aufgenommen. Als die deutschen Militärs von Tür zur Tür gingen, um nach den entflohenen Gefangenen zu suchen, hat diese deutsche Frau ihn im Kasten ihrer Nähemaschine versteckt. Die Soldaten konnten ihn so tatsächlich nicht finden, Malkhaz hat überlebt. Danach kam die Liebe und zwei Kinder, Jungen, deren Namen ich leider nicht kenne. Der Name der Ehefrau meines Urgrossvater soll Rosa Rosenberg gewesen sein.


Eine Gruppe Kriegsgefangener der Roten Armee im deutschen Gefangenenlager.


Ende der 1910-er Jahre, als der 1. Weltkrieg zu Ende war, konnten die ehemaligen georgischen Kriegsgefangenen sich frei bewegen. Sie lernten Konstantine Gamsakhurdia kennen, der sich damals in Deutschland aufhielt. Wir wissen, dass Malkhaz Janaschia sich mit ihm angefreundet hat, es gab sogar ein gemeinsames Fotos von den beiden. Leider ist auch dieses Fotos zusammen mit vielen anderen Geschichten verloren gegangen. Malkhaz ist aber dann zusammen mit Konstantine Gamsakhurdia nach Georgien zurückgekehrt.

Ich habe angefangen, auch in anderen Quellen nach Informationen zu Malkhaz Janaschia zu suchen. Der Schriftsteller Konstantine Gamsakhurdia hielt sich Ende der 1910-er Jahre tatsächlich als der Atache der georgischen Botschaft in Deutschland auf. Er hat die Freilassung von bis zu dreitausend georgischen Kriegsgefangenen bewerktstelligt. Darunter soll auch Malkhaz gewesen sein. Seine Rückkehr in die Heimat wurde für ihr, seine Ehefrau und seine Kinder in Deutschland zu einem schicksalhaften Ereignis. Die damalige Unabhängigkeit Georgiens dauerte kurz, es begann die sowjetische Besatzung und damit auch die persönliche Tragödie von Malkhaz. Das sowjetische Regime gab ihm in keinem Lebensabschnitt die Möglichkeit, wenigstens im Briefwechsel mit seiner Familie zu stehen, geschweige denn die Möglichkeit sie wiederzusehen. Malkhaz gründete eine neue Familie in Martwili, hatte keine eigenen Kinder, aber zog die Kinder seines Bruders auf.




Ich habe noch von meiner Mutter erfahren, dass der betagte Malkhaz im hohen Alter Ende der 1960-er und Anfang der 1970-er Jahre von seiner Ehefrau dann doch noch zahlreiche Briefe und Bilder seiner erwachsenen Kinder bekommen hat. Sie berichteten ihm hierin aus ihrem Leben und haben auch immer um Antwort gebeten, jedoch vergebens, denn auf jeden Brief, den er aus Deutschland erhalten, folgten seitens des sowjetischen Staatssicherheitsdienstes nicht enden wollende Befragungen und ein striktes Kontaktverbot. Malkhaz Janaschia verstarb Ende der 70-er Jahre ohne noch einmal die Gelegenheit gehabt zu haben, seine Familie zu erreichen. Ihre Spur verliert sich in der labyrinthischen Düsternis des Sowjetregimes.

Es ist schwer zu beschreiben, wie diese Leute das Schicksal des Malkhaz Janaschia und seiner Ehefrau samt ihrer Kinder tragisch beeinflusst, ja in den Abgrund gestürzt und so die engsten Verbindungen zwischen den Familienmitgliedern so gründlich ausradiert haben, als ob es sie nie gegeben hätte. Wohl nur solche niederträchtigen Machtstrukturen bringen es fertig, das Leben eines Menschen so auszulöschen, jegliche Spur zu eliminieren - bis auf einige verblichene Fotos und die vergilbten Seiten eines Tagebuchs, die in einem Leinensäckchen überlebt haben.


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