2019-02-27
ავტორი : Anna Margvelashvili
Der Traum der kleinen Bürger von europäischer Bild

Am 3. Oktober 1919 erschien in der Zeitung “Saqartwelos Respublika” (‘Republik Georgien’) Nr. 222 (am gleichen Tag auch in der Zeitung “Saqartwelo” (‘Georgien’) und in einigen anderen Zeitungen) eine kurze Mitteilung:


“Die deutsche Regierung bot der georgischen Regierung an, 300 Schüler nach Deutschland zu schicken, sie werden in verschiedenen Schulen verteilt und dort auf Kosten der deutschen Regierung unterrichtet”.


Das war es. Mehr stand in der Mitteilung nicht. Die historische Abteilung des Georgischen Nationalarchivs bewahrt jedoch die Akte (Bestand Nr. 1935, Akte Nr. 572) mit der Bezeichnung “Mitteilungen über die Anträge für ein Studium in Deutschland” auf. Die Mappe enthält 34 Gesuche, die beim Volksbildungsministerium der Demokratischen Republik Georgien eingegangen waren. Für die Bekanntmachung dieser Archivakte bedankt sich Sovlab und das georgisch-deutsche digitale Gedächtnisarchiv bei Prof. Tengiz Siamaschwili, der als Historiker und Forscher an der Universität Telawi wirkt.


Wir wissen nicht, wie diese Mitteilung an die Presse gelangte. Uns ist lediglich bekannt, dass das Volksbildungsministerium Rückmeldungen und Gesuche empfing, selbst jedoch nichts von dieser Initiative wusste.




Das mit den Gesuchen betraute Volksbildungsministerium veröffentlichte in der Zeitung „Sakartwelos Respublika“ am 22. Oktober (Nr. 238) folgende Mitteilung und lehnte damit die Information vom 3. Oktober ab:


„Die in den lokalen Zeitungen erschienene Nachricht darüber, die deutsche Regierung habe der georgischen Regierung angeboten, 300 Schüler nach Deutschland zum Studium zu schicken, entspricht nicht der Wahrscheit und ist als Gerücht einzustufen“.


In der Tat hatte im Oktober und November 1919 Deutschland, das durch interne Probleme in schwieriger Lage war, keine Zeit für georgische Studierende und deren Unterstützung. Der Fehler entstand höchstwahrscheinlich dadurch, dass zur gleichen Zeit die Regierung der Republik Georgien Studierende für ein Studium finanzieren wollte, darunter auch in Deutschland.

Obwohl die Nachricht, dass die deutsche Regierung den georgischen Schülern ein Studium anbot, im Ministerium nicht bestätigt werden konnte, bleiben die im Ministerium eingegangenen Bitten auf ein Studium in Deutschland trotzdem interessant: sie geben damalige Stimmungen bezüglich des Studiums, sowie die sozialen Probleme und die Gründe für die Motivation wieder. Interessant ist zu wissen, welche Städte und Bezirke damals aktiv waren. Natürlich sind diese 34 Gesuche nicht genug, um das große Bild vollständig zu analysieren, aber sie bilden nach 100 Jahren ein interessantes historisches Material und verdienen es, gelesen zu werden.

Die Gesuche an das Ministerium wurde entweder von den Eltern, oder von den Studenten selbst geschrieben. Die Anfang Oktober 1919 geöffnete Akte wurde Anfang November desselben Jahres wieder geschlossen und enthält die Bitten von folgenden Personen, die den Wunsch äußerten, in Deutschland zu studieren:


#

Der Name der Person, die in

Deutschland studieren möchten

Stadt, Dorf


1.

Elisbar Purtseladse

Tbilissi

2.

Giorgi Dekanozischwili, Sohn des Konstantin

Tbilissi

3.

Micheil Mamulaschwili, Sohn des Micheil

Tbilissi

4.

Giorgi Mutschaidze, Sohn des Levan

Tbilissi

5.

Grigor Ramischwili, Sohn des Gerasime

Tbilissi

6.

Iwane Bakhutaschwili, Sohn des Zakaria

Telawi

7.

Iwane Rtscheulischwili, Sohn des Micheil

Telawi

8.

Giorgi Tumanischwili, Sohn des Alexander

Telawi

9.

Wladimer Peikrischwili

Telawi Bezirk, Dort Tsinandali

10.

Konstantine Aristov, Sohn des Levan

Telawi Bezirk, Dorf Kistauri

11.

Warlam Iremaschwili, Sohn des Isidore

Kutaissi

12.

Wasil Kobakhidze, Sohn des Godu

Kutaissi

13.

Niko Schonia, Sohn des Tewdore

Kutaissi

14.

Schalwa Roinischwili, Sohn des Pawle

Kutaissi

15.

Platon Tschakhunaschwili, Sohn des Ermile

Kutaissi

16.

Nikoloz Schawgulidze, Sohn des Elise

Kutaissi

17.

Wladimer Schawgulidze, Sohn des Elise

Kutaissi

18.

Aristarkho Ratiani, Sohn des Iwan

Kutaissi

19.

Lewan Kupreischwili, Sohn des Gaioz

Kutaissi

20.

Gedeon Tschikowani, Sohn des Jason

Kutaissi Gouvernement, Senaki Bezirk, Dorf Khuntsi

21.

Leonid Jischkariani, Sohn des Silibistro

Kutaissi Gouvernement, Senaki Bezirk, Dorf Khuntsi

22.

Warlam Klibadze, Sohn des Simon

Zestaponi

23.

Revaz Kaladze, Sohn des Egnate

Samtredia

24.

Walerian Rewischwili, Sohn des Nestor

Samtredia

25.

Nikoloz Barataschwili, Sohn des Ambrosi

Poti

26.

Warlam Ghlonti, Sohn des Esefi

Lantschkhuti

27.

Razhden Tschanischwili, Sohn des Elizbar

Lantschkhuti

28.

Akaki Tskhadaschwili, Sohn des Aslan

Amaghleba Gemeinde, Dorf Inaschauri

29.

Akaki Meskhi, Sohn des Noe

Amaghleba Gemeinde, Dorf Mkhwanischi

30.

Ewgeni Jijelawa, Sohn des Spiridon

Tamakoni Gemeinde, Dorf Targameuli

31.

Razhden T. Narouschwili

Senaki Bezirk, Dorf Tamakoni

32.

Archil Mikeladze, Sohn des Micheil

Tianeti Bezirk, Dorf Alwani

33.

Wachtang Japaridze, Sohn des Zakaria

Akhaltsikhe

34.

Gantiadi Japaridze, Tochter des Zakaria

Akhaltsikhe


Wenn wir bedenken, dass Kutaissi zur damaligen Zeit ein gesellschaftliches und kulturelles Zentrum war sowie über nennenswerte Bildungseinrichtungen verfügte, ist es wenig verwunderlich, weshalb so viele Anträge von dort kamen.




Besonders erwähnenswert ist der Brief von Zakaria Japaridze, Sohn des Onopre, der in Akhaltsikhe lebte, an den „Volksausbildenden“ (so nannte der Verfasser den Minister). In seinem Schreiben bat er um Aufnahme seiner zwei Kinder – Tochter Gantiadi, geb. 1905 und Sohn Wakhtang, geb. 1910 – in das vermeintliche Programm und fügte zum Schluss noch hinzu:


„Ich hoffe, Sie werden meine Bitte befriedigen, denn unsere Region Meskhetien ist sehr zurückgeblieben, was die Bildung anbetrifft und zweitens, die Ereignisse der letzten zwei Jahre haben unsere wirtschaftliche Lage sehr verschlechtert, dieses Hin- und Herrennen machten uns arm, unsere Region Meskhetien können wir nur mit Bildung wieder zum Blühen bringen. Wir sind nicht im Stande, unseren Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen, weder im Ausland, noch im eigenen Lande, obwohl ich meine letzten Kräfte dafür einsetze“.


Gantiadi Japaridze, Tochter des Zakaria, ist das einzige Mädchen auf dieser Liste.




Die Armut und der große Wunsch nach Bildung sind in den Gesuchen zwei zentrale Gründe:


„Mit großen Mühen und materieller Hilfe des pädagogischen Rats des Gymnasiums konnte mein Kind Mikheil Schonia, Sohn des Niko, bis zur 6. Klasse studieren; Nun bin ich wegen der großen Armut gezwungen, ihn vom Gymnasium zu nehmen und irgendwo als Verkäufer einzustellen. Er selber möchte jedoch studieren und Wissenschaft erwerben, aber das Schicksal hat ihn bestraft, ich habe nichts, um ihm beim Absolvieren der Schule zu helfen und umso weniger, ihm eine Hochschulbildung zu ermöglichen. In Kutaissi besitze ich nichts, wir leben zur Untermiete. Auf dem Lande besitze ich nichts außer einem Grundstück, das ca. 7200 m² groß ist und wegen der unbeschreiblich hohen Preise bin ich gezwungen, für 700 Rubel zu arbeiten, um für Geld für das Maisbrot zu verdienen und damit meine Ehefrau und meine zwei Kinder zu ernähren. Wegen meines Alters kann ich keine mehr schwere Arbeit leisten. Ich bin schon 71 Jahre alt. Deswegen wende ich mich an Sie, um meine Lage und die meines Kindes zu berücksichtigen und ihn in die Liste mit aufzunehmen, die zum Studieren nach Deutschland in die Mittel- und Hochschule geschickt werden sollen.“ So schrieb Tedore Schonia.


Aus einer vielköpfigen und armen Familie stammten auch die Brüder Schawgulidze:


„Unser Vater Elise Schawgulidze, Sohn des Mose, hat 7 Kinder, davon uns, zwei Söhne, die diese Bitte schreiben und 5 Töchter. Im Moment gehen wir alle in verschiedene Schulen in Kutaissi. Unser Vater ist ehemaliger Polizeibeamter und konnte keine Arbeit finden. Seit drei Jahren ist er nun arbeitslos. Unsere Ernährung, Bekleidung, Schulbücher, Hefte und Schulgebühren lasten schwer auf unserem Vater. . .“


Selbstverständlich wäre es für die Familie eine große Erleichterung, wenn zwei Söhne nach Deutschland hätten geschickt werden können. Aber die Tatsache, dass trotz der Arbeitslosigkeit der Vater versuchte, allen 7 Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen und dafür sogar sein Haus verpfändete, verweist auf den Geist jener Epoche und auf die damaligen hohen gesellschaftlichen Werte.

Der in Kutaissi lebende Warlam Iremaschwili beginnt sein Gesuch ans Ministerium mit der Beschreibung der vergeblichen Bemühungen seines alten Vaters:


„Er nahm meine Ausbildung auf sich, aber wegen der sagenhaft hohen Preisen konnte die eh bedürftige Familie mich nicht mehr auf den Bildungsweg stellen. So überfiel mich das Unglück und ich bin gezwungen, nach 4 Kursen das Studium aufzugeben und kann somit nicht mehr für den Wohlstand meines Landes kämpfen“.


Der Schüler der 6. Klasse des Georgischen Gymnasiums Giorgi Dekanozischwili, Sohn des Konstantine, wandte sich mit dem folgenden Worten an den Minister:


„Ich bin ausgerüstet mit dem Wunsch zu studieren, Herr Minister. Ich möchte meiner Heimat so viel wie möglich Nutzen bringen und weiß, dass dazu mehr Erfahrung und Bildung notwendig sind. Ich habe gehört, dass Deutsche unseren Jugendlichen helfen wollen, dass sie sie nach Deutschland einladen und ausbilden. Ich wäre der glücklichste Mensch, wenn ich einer unter ihnen sein könnte. Deswegen möchte ich höflichst bitten, mein Flehen zur Kenntnis zu nehmen und mein Streben zu bewilligen, damit ich mit mehr Erfahrung und Bildung ausgerüstet in meine liebe Heimat zurückkehre und meine armen Eltern in ihrer Fürsorge um die 5 Kinder tröste.“


Unter den individuellen Vermittlungsbriefen ist einer besonders erwähnenswert: darin schreibt die Volksverwaltung des Bezirks Sighnaghi an das Bildungsministerium und versucht, sich nach weiteren Details der Initiative zu erkundigen:


„Wie wir der Presse entnommen haben, erhielt unsere Regierung ein Angebot von der deutschen Regierung, 300 Kinder zum Studieren nach Deutschland zu schicken. Die Volksverwaltung des Bezirks bittet Sie, uns zu informieren, unter welchen Bedingungen die geschieht bzw. wann dieses Angebot umgesetzt wird (welche Altersgruppe, mit welchem Wissensstand) usw. (13. 10. 1919).


Eine solche Initiative und Aktivität seitens der neu gegründeten lokalen Selbstverwaltung ist aus heutiger Sicht sehr zu schätzen.

Unseren Blogbeitrag möchten wir mit dem Brief eines Schülers der 4. Klasse der 1. Grundschule von Telawi Konstantine Aristow, Sohn des Lewan (9. 10. 1919) aus dem Dorf Kistauri/Telawibezirk, schließen:


„Vor zwei Tagen las ich in der Zeitung „Respublika“, dass die deutsche Regierung um die 300 Schüler fürs weitere Studium an deutschen Schulen vermittelt, wo diese mit staatlichen Mitteln lernen und leben sollen. Meine Begeisterung kennt keine Grenzen und um es kurz zu sagen: ich bitte Sie höflichst mir gnädig zu sein und sich um mich wie einen Vater zu kümmern. Bitte lassen Sie mich einer von den 300 werden, die des Studierens würdig sind, schenken Sie mir Ihre Aufmerksamkeit und tragen Sie mich in die allererste Einheit ein. Außerdem möchte ich hinzufügen, dass ich an technischer Bildung interessiert bin, diesbezüglich auch begabt bin, ich schreibe außerdem kleine Gedichte und habe sogar ein Heft fertig.

Der Bittende – der junge Bürger Kote Aristow“.





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