2019-02-11
ავტორი : Anna Margvelashvili
1920 -Die deutschen Professoren an der Uni Tbilisi

Am 18. September 1920 schickte der Konsul der deutschen diplomatischen Vertretung in Georgien Ernst von Druffel einen Brief an das Auswärtige Amt (AA) in Deutschland. Der Brief war auf Initiative des Rektors der Staatlichen Universität Tbilissi (TSU) Iwane Dschawachischwili und des Mitbegründers der Hochschule Korneli Kekelidze verfasst und richtete sich an den Akademischen Bund Deutschlands. Die Vertreter der Universität baten um die Entsendung deutscher Professoren nach Georgien für eine Dauer von drei Jahren als Teil der Aussenpolitik ((http://newspaper.tsu.ge/ge/news/view/MqUrPnDo)) der Staatlichen Universität Tbilissi.

Vermutlich befindet sich umfangreiches Material über diesen konkreten Abschnitt der Geschichte im Archiv der TSU. Bislang hatte ich nicht die Gelegenheit, im Georgischen Nationalarchiv zu diesem Thema zu recherchieren; mein Blog basiert ausschließlich auf deutschen Quellen, deshalb ist das dargestellte Bild wahrscheinlich einseitig. Es gibt aber die Möglichkeit, die Geschichte zu rekonstruieren. Im sogenannten Politischen Archiv des Auswärtigen Amts enthält die Akte PA AA RZ 508-1 R 63341die Dokumentation über die in Georgien stattfindende Bildungs- und Universitätsreform und über die Einladung deutscher Professoren nach Georgien.

Im Jahr 1920 versuchte die erste Demokratische Republik Georgien, auf die Beine zu kommen. Es wurden zahlreiche Reformen durchgeführt, unter anderem im Bildungsbereich und im Bereich der Selbstverwaltung. Auch die erst zwei Jahre zuvor gegründete Tbilisser Universität bemühte sich, ihre Position zu stärken, ihre Mitarbeiter suchten nach Unterstützung im Ausland. Deutsche Expertise, Qualifikationen und Erfahrungen in pädagogisch-wissenschaftlicher Arbeit wurden vor allem zur Förderung bestimmter Fachrichtungen gesucht, Finanzen, Landwirtschaft, Pflanzenanatomie und Physiologie, Zootechnologie und spezielle Agrarwirtschaft. Den interessierten Fachkräften bot die TSU 25.000 Rubel Lohn an, doppelt so viel wie das Gehalt georgischer Professoren. Dazu kostenlose Unterkunft, Brot zu einem vergünstigten Preis und die Übernahme von Reisekosten. Auch andere Lebensmittel versuchte die Universität für die Lehrkräfte günstiger zu besorgen.

Die eingeladenen Professoren hätten des Weiteren die Möglichkeit erhalten, auch in anderen staatlichen Behörden tätig zu sein (an erfahrenen Fachkräften schien damals wie heuteMangel zu herrschen), für diese Tätigkeit wären sie zusätzlich bezahlt worden. Der Rektor der Universität Iwane Dschawachischwili hoffte, dass der Deutsche Akademische Bund diese Bitte nicht unerhört lassen würde und der Universität bei der Suche einiger „tüchtiger Herrschaften“ helfen würde, die den Studierenden bestes Wissen vermitteln und für Vorbild sein würden.

Da der Rektor der Universität nicht bevollmächtigt war, auf eigene Initiative Versprechen im Namen staatlicher Behörden zu geben, können wir davon ausgehen, dass diese Initiative seitens der Regierung Georgiens volle Unterstützung genoss.



Obwohl Konsul von Druffel in der Zusatzmitteilung an das Auswärtige Amt schrieb, dass der von der Universität angebotene Lohn „an der untersten Grenze der Möglichkeiten liege“, unterstützte er das Anliegen und war der Ansicht, dass diese Zusammenarbeit für die auswärtige Politik und das geistige Leben Deutschlands äußerst wichtig war und dass die pro-deutsche Stimmung der Vertreter der Staatlichen Universität Tbilissi zu begrüssen sei. Zu der Zeit bestanden in Tbilissi mehrere starke deutsche Institutionen, darunter die Deutsche Schule und das Realgymnasium als Zentren deutscher Bildung und Kultur, die ihrerseits in enger Partnerschaft mit der Universität standen. Beispielsweise hätte auf Initiative beider Institutionen eine Vorbereitungsklasse für Deutschlehrer entstehen sollen. Für die Zukunft gab es einige weitere Pläne.

Das Auswärtige Amt Deutschland nahm sich der Sache gründlich an. Der Brief wurde unverzüglich an verschiedene zentrale und regionale staatliche Behörden verschickt. Das Auswärtige Amt teilte den Institutionen den Inhalt des Briefs des Rektors der Universität mit und fügte die Meinung des Konsuls von Druffel hinzu, dass der angebotene Lohn sehr bescheiden sei. Gleichzeitig unterstrich das AA, dass dieses Anliegen für die Verbreitung des deutschen kulturellen Einflusses in Georgien (und in der ganzen Region) äusserst wichtig sei, daher begrüsse er, wenn die Initiative der Tbilisser Universität seitens des fleissigen Lernpersonals auf Interesse stossen würde. Die entsprechenden Verantwortlichen leiteten das Schreiben ihrerseits an die Bildungseinrichtungen der Bundesländer weitergeleitet. Reaktionen liessen nicht lange auf sich warten.

Die ersten Bewerbungen gingen im November 1920 im AA ein. Bald meldeten sich weitere Interessierte, die sich in Georgien ausprobieren wollten. Trotz der schlechten Bedingungen lagen Ende Dezember sechs Motivationsschreiben vor und gegen Sommer 1921 wurden 16 Bewerbungen an die Universität Tbilissi weitergeleitet. Es waren Professoren, Dozenten, Wissenschaftler und praktizierende Fachkräfte (mit oder ohne Erfahrung in internationalen Projekten), die ordnungsgemäss und mit entsprechenden Empfehlungsschreiben ihr Interesse beim AA bekundeten. Oft schrieben die Bewerber, sie seien bereit, mit ihrer Anstellung in Georgien dem auswärtigen Interesse Deutschlands zu dienen. Unter den Bewerbern war eine Frau aus Hamburg, Rose Stoppel (vermutlich war sie die Schwester der Ehefrau eines der Familienmitglieder des berühmten deutschen Wirts von Kutschenbach, der in Georgien lebte), mit ausgezeichnetem Empfehlungsschreiben. Das Ministerium prüfte die Anträge sorgfältig und leitete die Information über den Stand des Projekts an die diplomatische Vertretung Deutschlands in Georgien weiter.

In einem der Briefe, der im Ministerium hinsichtlich der Zusammenarbeit mit der Staatlichen Universität Tbilissi eingegangen war, wurde ein anderes Format der Zusammenarbeit angeboten: der Leiter der Handelsuniversität München schrieb, dass obwohl seine Institution nicht an der Entsendung des Lernpersonals nach Georgien unter den angebotenen Bedingungen interessiert war, die Dozenten eine andere Initiative vorschlugen, nämlich das Lernpersonal für kürzere Aufenthalte, zum Beispiel ein Semester lang oder für die Dauer der Ferienzeit, zu entsenden. Auch die Professoren der Handelsuniversität München erklärten sich bereit, für eine kurze Dauer nach Georgien zu reisen und Vorlesungen zu halten, in diesem Fall wäre es für sie wichtiger, statt des Gehalts die Reisekosten finanziert zu bekommen.

In dem Schreiben von Druffels vom 18. September 1920, das an die Universitäten nach Deutschland ging, stand zudem, dass „wenn angereiste Professoren nach 3 Jahren Georgisch gelernt haben, könnten sie selbstverständlich hier bleiben und werden die Gelegenheit bekommen, hier weiterhin zu arbeiten“. Die Pläne scheinen langfristig angelegt gewesen zu sein, der Wunsch der Unterstützung der Universität und einer Stärkung der Zusammenarbeit mit deutschen wissenschaftlichen Kreisen gross.

Heute, da wir wissen, welches Schicksal Georgien wenige Monaten nach dieser Initiative erwartete, ist es besonders berührend zu sehen, mit welcher Hingebung diese Menschen sich darum bemühten, die Universität zu fördern und entwickeln.

Trotz der bolschewikischen Besatzung wurde das Anliegen von der deutschen Seite weitergeführt, wenn auch mit einer kurzen Unterbrechung. Eine Liste der Kandidaten wurde über die diplomatische Vertretung Deutschlands in Georgien an die Universität geschickt.


Für jeden freien Platz gab es mehrere Interessierte: zwei für die Finanzfakultät, vier für Pflanzenanatomie und Physiologie, sechs für Zootechnologie, drei für Spezielle Landwirtschaft und einen für BWL Agrarwirtschaft.

Im Juni 1921 teilte der Professor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik und Chemie Dr. Alexander Natanson mit (sein Name stand nicht auf der Liste der Kandidaten, die das Auswärtige Amt vorgelegt hatte), dass er eine Professorenstelle an der Staatlichen Universität Tbilissi erhielte. Zu dieser Zeit war bereits Ulrich Rauscher der Konsul Deutschlands in Georgien.

Gleichzeitig versuchte das Konsulat, mit den entsprechenden staatlichen Behörden die Lage zu klären, denn in dem Brief, der vom Aussenministerium Georgiens und dem Kommissariat für Äussere Angelegenheiten Georgiens kam, war von veränderter Lage und von der Durchführung notwendiger Änderungen hinsichtlich der Bedingungen für die Anstellung der deutschen Professoren an der Universität die Rede.

Im Prozess der Verhandlungen unter den neuen Bedingungen schrieb Rose Stoppel, die Dozentin aus Hamburg, an das Auswärtige Amt, wie sie von ihrer Schwester Frau Kutschenbach erfahren habe, die nicht weit von Tbilissi im Dort Mamutli (heute das Dorf Mtisdsiri bei Dmanisi) lebe, seien die Umstände in der sowjetischen Republik Georgien nicht sehr günstig und sogar die Deutschen, die seit langem in der Region lebten, dächten an die Ausreise aus dem Land wegen des zunehmenden Mangels an Lebensmitteln und weil das Verständnis von “Mein und Dein” durcheinander gekommen sei. Frau Stoppel bat um eine Sicherheitsgarantie, andernfalls sehe sie sich leider nicht in der Lage, die Arbeit an der Staatlichen Universität Tbilissi aufzunehmen. Wer aber war in der durcheinander geratenen Zeit in der Lage, Frau Stoppel Garantien zu geben? Auch Professor Wagner von der Universität Hohenheim (bis heute eine der besten Universitäten für Landwirtschaft in Baden-Württemberg, in der Nähe von Stuttgart) lehnte im Herbst 1921 die Reise nach Georgien ab. Der Grund der Absage war derselbe: die angespannte und unklare Situation im Lande.

Trotz der Bemühungen der Universitätsleitung ist aus dieser fast schon beschlossenen Angelegenheit letztlich nichts geworden. Ende 1921, Anfang 1922 schrieb Iwane Javachischwili an den Direktor des Deutschen Realgymnasiums von Tiflis Martin Jeckel:

„Auf Ihre Frage bezüglich der Anstellung deutscher Gelehrten an der Staatlichen Universität Tbilissi möchte ich antworten, dass wegen der aktuellen Lage in Georgien die vorgeschlagenen Bedingungen geändert werden mussten... Die Universität ist leider gezwungen, diese Initiative im Moment aufzugeben. Sobald die Lage wieder besser wird und sowohl fürs Studium als auch für die Forschung günstige Bedingungen geschaffen werden, hoffen wir...”


Im Jahr 1922 und später 1924 begann phasenweise die Verfolgung der deutschen Gemeinde und das Verbot bestehender Institutionen. Auch die Universität Tbilissi und Iwane Jawachischwili selbst erlebten schwierige Zeiten. Das Projekt einer internationalen Zusammenarbeit, wie es zwischen der Universität und der Demokratischen Republik Georgien 1920 erdacht wurde, konnte nie verwirklicht werden.

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